Mit Margarine fing alles an …

Mit Margarine fing alles an …

Vom tausendfachen Blättern ist es zerknittert, die Farben auf dem Einband sind verblasst.
„Afrika – lockender dunkler Kontinent“ ist der Titel. Es war ein Werbegeschenk einer Margarinefirma, mit jedem gekauften Paket erhielt ich ein Foto, das ich einkleben konnte.
„Es war meine erste Begegnung mit Afrika“ …

Aus diesen Bildern sind Geschichten erstanden, die ich zu einem Buchmanuskript zusammengefasst habe.

Heute möchte ich Euch eine vorweihnachtliche Geschichte daraus vorstellen. Die Unterschrift unter dem Bildchen hieß:

Es gibt unzählige Bettler in Afrikas Großstädten

Ich habe meine Geschichte

Zweiseitig

genannt. Bin gespannt wie sie Euch gefällt!

Der Schmerz fuhr durch seine Hoden wie ein Messerstich. Er musste sich auf eine kleine Mauer setzen, weil ihm sonst schwindelig geworden wäre. Das letzte Mal, dass er solchen Schmerz empfunden hatte, war bei seiner Beschneidung gewesen. Damals hatten ihn fünf Männer halten müssen. Je einer hatte die Arme festgehalten, einer den Kopf und zwei hatten ihre Riesenpranken dazu benutzt, seine Beine gespreizt zu halten. Das Folgende war ihm nur bruchstückhaft in Erinnerung geblieben. Zwischendurch hatte er gnädigerweise das Bewusstsein verloren und wie durch einen Nebel wahrgenommen, wie sie ihn halb trugen und halb zogen. Sie schleppten ihn in einen dunklen Wald, in dem eine provisorische Hütte aus Stöcken und Ästen für ihn errichtet worden war, gerade groß genug, um mit angewinkelten Beinen darin zu liegen. Hier musste er die folgenden Tage und Nächte verbringen, bis seine Wunde geheilt war. Nur seiner Mutter war es erlaubt, einmal am Tag nach ihm zu sehen und ihm Nahrung zu bringen. Der Schmerz, der anfangs wie Feuer gebrannt hatte, ebbte langsam ab und über den empfundenen Stolz, jetzt ein Mann zu sein, vergaß er ihn bald ganz.

Nun, so viele Jahre später, war dieser Schmerz wieder da, und noch viel stärker.

Sie drehte sich vor dem Spiegel der teuren Boutique und betrachtete kritisch das bunte Kleid an sich, dass die Verkäuferin ihr in die Umkleidekabine gereicht hatte. Nein, das war sie nicht. Zu viele Farben, zu wildes Muster. Ungeduldig schlüpfte sie in das nächste. Wie konnte man ihr etwas Blaues bringen, mein Gott, das passte gar nicht zu ihrem Typ. Das musste man als geschulte Verkäuferin doch sehen. Was sollte sie bloß anziehen heute Abend? Das dritte Stück, das ihr zum Anprobieren hereingereicht wurde, war ein Zweiteiler. Sie gab es sofort zurück. Etwas Besonderes  sollte es sein für diesen Abend. Hätte sie doch lieber in Deutschland nochmal ihre Lieblingsboutique aufgesucht. Die Frauen in Deutschland hatten ja keine Ahnung, welche Probleme man hier hatte, etwas Anständiges zum Anziehen zu finden. Sie würde es nochmal in einem anderen Geschäft probieren. Sie griff nach ihrer Handtasche und schob den Vorhang der Kabine zur Seite. Da stand die Verkäuferin mit ihrem Traumkleid! Schwarze schillernde Seide, ein tiefer Ausschnitt, Pailletten besetzt. Hoffentlich passte es. Sie musste heute Abend einfach alle ausstechen. Es war heiß in der Kabine. Sie zog den Reißverschluss am Rücken hoch, der nicht viel Raum ließ. Verliebt betrachtete sie ihr Spiegelbild und malte sich in Gedanken die neidischen Blicke ihrer Freundinnen und die begehrlichen der Ehemänner aus. Sie blickte auf das Preisschild. Viel zu teuer. Davon mussten manche einen ganzen Monat leben. Egal. Sie ließ das Kleid einpacken und verließ den Laden. Noch schnell einen Prosecco im Sarit Centre, dann nichts wie nach Hause.

***

Er wusste nicht, was mit ihm geschehen war. Sein Geschlechtsteil war plötzlich angeschwollen, anfangs nur wenig, dann so stark, dass er seine Hose nicht mehr zuknöpfen konnte. Irgendwann, als er nicht mehr Wasser lassen konnte, war er zum Missions-Krankenhaus geschlichen, wo er mit unzähligen anderen auf der Wiese davor gesessen und geduldig gewartet hatte, an die Reihe zu kommen.

Die italienische Ärztin sah ihn entsetzt an, untersuchte ihn und fragte ihn etwas, was er nicht verstanden hatte. Eine Krankenschwester erklärte ihm in seiner Stammessprache, dass er sofort operiert werden müsse. Ihm war alles einerlei, nur sollte dieser Druck und Schmerz endlich aufhören. Alles danach schien ihm wie ein Traum. Als er aufwachte, sah er einen herrlichen Engel, hell erleuchtet und beruhigend, und er schlief wieder ein.

Noch niemals in seinem Leben ging es ihm so gut wie nach dieser Operation. Dreimal täglich gutes Essen und süßer Tee, ein weiches, sauberes Bett und die nette Krankenschwester, die mit ihm redete. Richtig traurig war er, als er nach ein paar Tagen entlassen wurde und mit einer kleinen Tüte voller Tabletten durch die gleißende Sonne nach Hause wanderte.

Ein paar Tage später fuhr er mit dem Bus in die Hauptstadt, um Arbeit zu suchen. Wohnen wollte er bei seinem Bruder, der als Gärtner bei Weißen beschäftigt war. Aber so weit kam es nicht. Er hatte gerade die Hütte seines Bruders erreicht, als der Schmerz wieder einsetzte. Die Tabletten waren seit ein paar Tagen zu Ende, und eigentlich hätte er zur Nachuntersuchung gehen sollen. Aber leichtsinnig geworden durch die plötzliche Besserung und die Tatsache, dass er sogar wieder in der Lage war, mit seiner Frau zu schlafen, hatte er den Termin vergessen.

Sein Bruder konnte ihm nicht helfen, er verdiente nicht viel und lebte von der Hand in den Mund. Er gab ihm den Rat, in den Wohnvierteln der Reichen von Haus zu Haus zu gehen und Geld für Medikamente oder einen Arztbesuch zu erbetteln.

So saß er nun vor einem diesem gepflegten Anwesen – das vierzehnte, er hatte mitgezählt – und konnte vor Schmerzen keinen Gedanken fassen. Bei den Häusern zuvor war er bereits vom Personal abgewiesen worden. Nur einmal hatte eine weiße Dame ihm zehn Schillinge geschenkt, noch nicht einmal genug, um mit dem Bus zum Haus seines Bruders zurück zu fahren.

Jetzt musste einfach etwas geschehen. „Gott ist groß“, dachte er und wartete. Er stützte seine Arme auf die Knie und legte sein Gesicht in die Hände. Laufen konnte er nicht mehr. Der Schmerz fraß sich wie ein wildes Tier durch seinen Unterleib und hielt ihn auf der kleinen Mauer fest.

Wie lange er da saß, wusste er nicht. Zwischendurch döste er ein. Zu dem Schmerz kamen Hunger, Durst und Müdigkeit und eine unermessliche Hoffnungslosigkeit. So wartete er weiter, die Sonne ging langsam unter.

Ein Auto fuhr die Straße herunter. Er betete, dass es die Leute waren, die dieses Haus bewohnten und dass sie ihm helfen würden. Der Schmerz machte ihn halb wahnsinnig. Wenn jetzt keine Hilfe kam, war er bereit zu sterben.

***

Die letzte Kurve vor ihrem Haus gab Einsicht zu ihrer Einfahrt, und sie sah einen Mann auf der kleinen Mauer sitzen. „Was der wohl will“, dachte sie. „Wahrscheinlich Geld oder Arbeit, immer dasselbe.“ Unwillig runzelte sie die Stirn, als er jetzt an ihr Fenster humpelte. Warum konnten sich die Leute hier nicht selbst helfen? Immer kamen sie zu den Weißen, als wüssten diese für alles eine Lösung, bloß weil sie weiß waren. Sie drückte zum zweiten Mal auf die Hupe. Wo blieb denn der Boy, ruhte sich wahrscheinlich in der hintersten Gartenecke aus. Wie der Mann überhaupt aussah, blutunterlaufene Augen, irrer Blick, wahrscheinlich auch noch betrunken der Kerl, widerlich und dann so auf die Tränendrüse drücken. Erzählte ihr hier eine Geschichte von Schmerzen und notwendiger Operation. Der dachte wohl, alle Weißen waren blöd. Hart musste man umgehen mit solchen Leuten, nur kein Mitleid aufkommen lassen, sonst war man verloren. Das sagten ihre Freundinnen auch. Auf der anderen Seite: Es war Weihnachten und so eine ausgefallene Geschichte musste belohnt werde. „Warte“, sagte sie.

„Gott ist wirklich gnädig“, dachte er und ließ sich wieder vorsichtig auf das Mäuerchen nieder. Doch, als er die Frau im Haus verschwinden sah, und sie eine Weile nicht wieder herauskam, verließ ihn die Hoffnung und er dachte besorgt an die hereinbrechende Dunkelheit. In diesem Moment kam sie wieder heraus, in Begleitung eines Schwarzen, wohl ihr Houseboy. Der fragte ihn aus und endlich konnte er in seiner Sprache ausführlich erklären und erzählen. Der Houseboy unterbrach ihn immer wieder und übersetzte der Frau das Gesagte. Sie sah ihn prüfend an und ließ ihm antworten, dass so viele Leute an ihr Tor kämen, mit allen möglichen Problemen, und sie seine Geschichte einfach nicht glauben könne. Sie wollte sich abwenden. Er sah seine letzte Hoffnung schwinden und rief ihr verzweifelt nach, er könne beweisen, was er gesagt habe, und schon hatte er seine Hose aufgeknöpft und halb heruntergelassen. Alles wollte er tun, um von ihr Hilfe zu bekommen, sie sah so nett aus. Als sie sich jetzt nochmals zu ihm herumdrehte, meinte er einen Heiligenschein zu sehen, ja der Engel aus dem Traum, das war sie und sie musste ihm einfach helfen. Wieder sagte sie „Warte“ und lief zum  Haus zurück. Sie kam mit einem Geldbetrag zurück, den er in dieser Höhe noch nie gesehen hatte. Es war sogar eine Banknote dabei, die er das erste Mal sah. Er knickte vor Dankbarkeit förmlich zusammen. Worte wollten ihm nicht über die Lippen kommen, und so sagte er nur ‘Gott segne Sie’ und humpelte langsam davon. Von diesem Geld konnte er zurück in sein Heimatdorf fahren und zum Krankenhaus gehen und es würde sogar noch etwas übrig bleiben, vielleicht sogar die große Banknote, die er dann stolz seiner Familie zeigen wurde. „Gott ist groß“, dachte er froh.

***

Sein Schrei war ihr durch Mark und Bein gegangen. Er hatte einfach seine Hose aufgeknöpft und sie halb heruntergelassen, das Gesicht von Schmerz verzerrt, Tränen waren ihm das Gesicht hinunter gelaufen. So konnte sich niemand verstellen. Deshalb war sie erneut ins Haus gegangen  und hatte das Geld geholt. Er hatte ungläubig auf die vielen Banknoten in seiner Hand gestarrt.

„Ich bin verrückt“, dachte sie, während sie sich den Reißverschluss ihres neuen Kleides zumachte. „Das darf ich gar niemandem erzählen. Aber ich fühle mich großartig dabei. Frohe Weihnachten!“

Die Kommentare sind geschloßen.